5.2.2024

 

Heut setz ich mir meine Brille nicht auf.

Will die Welt nicht scharf sehen.

Soll verschwommen bleiben.

 

Ich will euer Lachen nicht sehen,

Eure Liebe,

Eure Freude,

Eure Ausgelassenheit.

 

Will alles wegsperren von dem Schmerz, 

der mich bald überrollen wird.

Der mich einnehmen wird,

mit Haut und Haar, 

ohne Chance aufs Entrinnen.

 

Stell mich dem Verschlinger,

Stell mich den Tränen,

Stell mich dem Surrealen.

 

Doch will ich nichts scharf sehen.

Es soll schemenhaft bleiben.

Alles um mich herum soll nach hinten treten, 

damit ich das Schreien in meinem Herzen 

kristallklar wahrnehmen kann. 


Ab und zu schreib ich Gedichte und ich hab jetzt, am 27.9.2023, gerade Lust ein paar davon mit euch zu teilen.


ESSENZ

 

Ich schreie.

Ich schreie, doch es hört mich keiner.

Mit weit aufgerissenem Mund steh ich da und schreie.

Doch kein Laut.

 

Er steckt fest, der Schmerz, unbewegt in der Brust.

Krallt sich fest, will sich nicht lösen.

Will seinen altbekannten Platz nicht verlassen.

Hat sich eingenistet-

vor Stunden, 

Tagen, 

Jahren, 

Jahrzehnten.

 

Und so steh ich da und bin wieder hilflos mir selbst überlassen, wissend, dass der Brocken an Leid weiterhin bestehen bleibt.

 

Allein und umgeben von vielen Menschen, die mich kennen, die mich lieben.

Oder lieben sie nur eine Seite von mir? Kennen sie das Dunkle, das in mir ruht und sich nicht oft zeigt?

 

Kenn ich mich selbst? Lass ich mich mich sehen? Wenn ich ehrlich bin: nein!

Ich verstecke mich vor dem Monster in mir, will es nicht spüren, will es nicht wahrhaben.

Das Finstere, das meine Gedanken durchwurmt, immer auf der Suche nach Schwachstellen, immer witternd, immer auf der Jagd....nach mir.

 

Meine Vergangenheit ist ein zurückgelassener Schleier, den ich nicht anheben will. Was soll es bringen, all die Momente des Grauens nochmal zu erleben?

 

‚Ich geb dir 1000 Schilling, wenn du mit mir dort auf dem Bett schläfst.‘ - ich war 13.

 

‚Und wie hat dir der Kuss gefallen?‘ - die Frage meines Vaters.

 

‚Vergib mir‘ die Worte meiner sterbenden Mutter.

 

‚Natürlich geb ich dir das Geld zurück‘, die vermeintliche Sicherheit meines väterlichen Freundes.

 

‚Ich kann mit dir nicht mehr befreundet sein, weil....‘ die sich ständig wiederholende Aussage.

 

Meine Kehle wird eng, zieht sich zusammen, der Druck auf der Brust steigt ins Unermessliche.

 

Ich drohe zu ersticken.

Ich ersticke.

Ich würge.

Ich erbreche.

 

Die Vergangenheit.

 

Und nun liegt es da, das Erbrochene, gallig grün, schattig und blutig.

Der Drang in mir 

es zu durchrühren, 

damit zu malen, 

es überall zu verteilen.

 

Auf eine Leinwand damit und es ausstellen mit dem Titel ‚Essenz‘.

Alle können sie es dann sehen, 

mein Innerstes.

 

Und wenn es gefällt, kann ich problemlos mehr solcher Kunstwerke produzieren- es ist genug für alle da.

Ich teile mich euch mit, zeige euch was in mir steckt.

 

Rümpft nicht so angewidert eure Nasen, wendet euch nicht ab.

Schaut hin und lasst euch inspirieren.


 

LEERE 

 

Kennst du auch diese Leere in dir?

Dieses nicht finden von Worten und Gedanken.

Dieses Sausen der Unendlichkeit.

Dieses bedrohliche....Nichts.

 

Es hält dich gefangen und lässt dich nicht los.

Krallt sich in dir fest, 

in deinen Eingeweiden, 

deinen Nervenbahnen, 

deiner Seele.

 

Und lässt dich nicht los.

 

Du glaubst entkommen zu können,

füllst dich an 

mit Momenten,

Menschen,

Klängen,

Gerüchen.

Versuchst dich Hinauszutasten 

aus dem Grauen Nebel der Farblosigkeit.

 

Doch sind es nur kaum wahrnehmbare Blitze

im Meer der sternelosen Nacht.

 

Ein Rauschen,

Ein Klirren,

es holt dich zurück in das trockene Dumpfe.

 

Und du watest wieder durch den Sumpf, 

der dich mehr und mehr zu verschlucken droht.

Der dich blind macht für 

Freude,

Genuss und

Liebe.

 

Und du spürst dich nicht mehr.

Berührst dich selbst und merkst, 

da ist nichts.

Keine Haut mehr,

Kein Fleisch,

Keine Knochen,

Kein Atem.

 

Panik steigt auf.

Bist du nur mehr der Gedanke?

Und wenn der weg ist, was dann?

 

Ein Strudel aus Angst

Nimmt mich gefangen,

Hält mich fest,

Lässt nichts mehr zu....

 

Nichts.

 


MUTTER? 

 

Nackt liege ich hier. 

Blicke an mir herunter und sehe meinen offenen Körper. 

Aufgerissen oder aufgeschnitten? 

Ich weiß es nicht.

Spüre keinen Schmerz.

Sehe nur meine Gedärme, mein Herz...es pumpt noch...mein Blut.

Keine Erinnerung was passiert ist.

Kein Schmerz.

Keine Bewegung möglich.

 

Ich blicke mich um und sehe hölzerne Wände.

Mein Sarg? 

Nein, ...liege in einem Raum...fensterlos

nach oben hin offen.

Es regnet, doch ich spüre die Tropfen nicht auf meiner Haut...

oder sind es meine Tränen?

 

Etwas regt sich in mir.

Die dumpfe Erinnerung an etwas.

Ein Hauch von Schmerz und plötzlich ist es da, ich kann es hören.

 

Das Baby, das sich aus mir rausgearbeitet hat.

Es legt sich an meine Brust, wie ist das möglich?...und saugt...

Lässt nicht los....und ich spüre immer noch nichts.

 

Auch keine Liebe oder Verbindung.

Auch keinen Hass oder Ekel.

 

Akzeptiere einfach was gerade ist....

etwas das mir nie gelungen ist.

 

Die Frucht meines Leibes ist eingeschlafen.

Liegt gleichzeitig auf mir drauf und in mir drinnen.

 

Will es berühren, beschützen.

Mütterliche Gefühle?

Ich weiß es nicht.

 


STURM

Ich sehne mich danach, mich in den Sturm zu stellen.

Breite einfach meine Arme aus und werde davongetragen, 

höher immer höher hinauf.

Bin nicht schwindelfrei, aber genieße das Tosen um mich herum.

Orientierungslos gebe ich mich ganz hin,

lass mich treiben, schleudern, schweben.

 

Endlich frei von all dem, was mich an die Erde bindet.

Es ist so laut, dass nicht mal mehr meine Gedanken Raum haben.

Leere- befreiende Leere.

Nur fühlen.

Nur sein.

 

Der Aufprall kommt bestimmt.

Das wieder Landen auf dem Boden, 

der die Wurzeln des Lebens in mich stoßen wird, 

mich festhalten, nie mehr loslassen wird.

Doch noch ist es nicht soweit.

 

Um mich herum andere Menschen, 

mit beglückten Gesichtern.

Als würde alles von ihnen abfließen,

Alles jemals Geschehene abtropfen.

 

Sehe Gewitterwolken unter uns.

Es ist, als ob all unser Leid in sie hinein rinnt,

sie vergößert 

und dann platzen sie auf, 

sprühen das Losgelassene abwärts.

 

Ich blicke rauf und sehe die Sterne,

noch immer werde ich nach oben getragen,

atme befreit, wie noch nie,

alles wird leicht,

das Gewicht meines Körpers nicht mehr existent.

 

Mein Leben geht zu Ende,

und es ist gut.